Erforschung des Lebens

Zitiert nach Neil A. Campbell, Biologie, Heidelberg Berlin New York, 1997, S. 1

Die Biologie, die Erforschung des Lebens, ist im menschlichen Geist verwurzelt. Menschen halten sich Tiere, pflegen Zimmerpflanzen, laden sich mit Hilfe von Vogelhäuschen im Garten gefiederte Gäste ein und besuchen Zoos und Naturparks. Dieses Verhalten drückt aus, was der Soziobiologe E. O. Wilson als Biophilie bezeichnet: eine angeborene Zuneigung zum Leben in seinen vielfältigen Formen. Die Biologie ist der wissenschaftliche Zweig dieser Neigung, sich mit anderen Lebensformen verbunden zu fühlen und Neugier für sie zu entwickeln. Sie ist eine Wissenschaft für Abenteurer und Detektive, die uns tatsächlich oder imaginär in Urwälder, Wüsten, Meere und andere Lebensräume führt, wo zahlreiche Lebensformen mit ihrer jeweiligen physikalischen und chemischen Umwelt zu komplexen Netzwerken verwoben sind, die man als Ökosysteme bezeichnet. Viel von der Erforschung des Lebens findet in Laboratorien statt, wo man untersucht, wie Organismen aufgebaut sind und wie sie funktionieren. Die Biologie macht uns mit der mikroskopischen Welt der Bausteine der Organismen vertraut, den Zellen, sowie mit dem submikroskopischen Bereich der Moleküle, aus denen diese Zellen bestehen. Unsere intellektuelle Reise führt uns außerdem in der Zeit zurück, denn die Biologie umfasst nicht nur das heutige Leben, sondern auch die Geschichte früherer Formen, die sich mehr als 3,5 Milliarden Jahre in die Vergangenheit erstreckt. Der Rahmen der Biologie ist also immens weit gesteckt…

Im Augenblick befindet sich die Biologie in ihrer bisher vielleicht aufregendsten Phase: Mithilfe neuer Ansätze und Forschungsmethoden sind die Biologen dabei, einige der spannendsten Geheimnisse des Lebens zu entschlüsseln. Aber so stimulierend der explosionsartige Informationszuwachs in der Biologie auch sein mag, so beängstigend ist er gleichzeitig. Heute gibt es mehr aktive Biologen als zuvor insgesamt jemals gelebt haben, und sie erweitern die wissenschaftliche Literatur jährlich um eine halbe Million neuer Forschungsartikel. Jedes der vielen Fachgebiete der Biologie unterliegt einem stetigen Wandel, und es ist selbst für einen professionellen Biologen sehr schwer, sich in mehr als einem sehr eng definierten Gebiet auf dem Laufenden zu halten. Wie können junge BiologiestudentInnen bei dieser ständigen Flut von Daten und Entdeckungen überhaupt einen Überblick bekommen? Der Schlüssel dazu liegt in der Wahrnehmung übergreifender Themen, welche die gesamte Biologie durchziehen – Themen, die auch in Jahrzehnten noch gültig sein werden, wenn der größte Teil der Detailinformationen eines Lehrbuches längst veraltet ist.